Dieses Kapitel verbindet zwei Linien, die sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts unabhängig voneinander entwickelt haben – und doch erstaunlich nah beieinander liegen: die japanische Ikigai-Philosophie von Mieko Kamiya und die Logotherapie von Viktor Frankl.
Mieko Kamiya – Ikigai als Lebensgefühl
Mieko Kamiya gilt als Begründerin einer psychologischen Sichtweise auf Ikigai. In ihrem Werk Ikigai-ni-Tsuite (1966) beschreibt sie Ikigai nicht als Ziel oder Methode, sondern als ein existenzielles Gefühl, das im Alltag entsteht. Ikigai bedeutet, eine Resonanz von Sinn, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit zu erleben.
Kamiya bezog sich intensiv auf europäische Philosophen und Psychologen, darunter Søren Kierkegaard, Karl Jaspers und auch Viktor Frankl. Sie betonte, dass Ikigai in sieben Dimensionen erfahrbar wird: Lebenszufriedenheit, Resonanz, Freiheit, Selbstverwirklichung, Wachstum, gute Zukunft sowie Bedeutung und Wert.
Viktor Frankl – Der Wille zum Sinn
Viktor Frankl (1905–1997), Gründer der Logotherapie, rückte die Frage nach Sinn ins Zentrum der Psychotherapie. Als Überlebender der Konzentrationslager zeigte er, dass Sinn selbst in leidvollen Situationen gefunden werden kann.
Wer war Viktor E. Frankl?
Viktor Emil Frankl (1905–1997) war Arzt, Neurologe und Psychiater in Wien und gilt als Begründer der Logotherapie, auch bekannt als „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ (neben Freud und Adler).
Frankl überlebte mehrere Konzentrationslager, darunter Auschwitz. Seine Erfahrungen verarbeitete er in seinem weltberühmten Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen (1946), das millionenfach gelesen wurde. Aus dieser Extremerfahrung heraus entwickelte er eine Haltung: Selbst im Leiden kann der Mensch einen Sinn entdecken – und darin eine Freiheit bewahren.
Aus seinen Erfahrungen in den Konzentrationslagern entwickelte er die Grundzüge der Logotherapie. Der Mensch kann Leid nicht immer vermeiden, wohl aber die Haltung wählen, mit der er ihm begegnet. Sinn zeigt sich dabei in drei Richtungen:
durch schöpferisches Tun,
durch Erfahrung und Begegnung,
durch die Haltung im Leiden.
Was ist Logotherapie?
Der Begriff setzt sich zusammen aus „logos“ (griechisch: Sinn) und „therapeia“ (Heilung). Logotherapie ist damit die „Sinntherapie“, ein Teil der Existenzanalyse.
Frankl unterschied sich bewusst von Freud und Adler:
Freud stellte das Lustprinzip in den Mittelpunkt,
Adler das Machtstreben,
Frankl dagegen den Willen zum Sinn.
Sein Kernsatz lautet:
„Es kommt nicht darauf an, was wir vom Leben erwarten, sondern was das Leben von uns erwartet.“
Die Logotherapie ist zugleich:
Philosophie – ein Weltbild vom Sinn des Lebens,
Psychotherapie – Heilkunde vom Willen zum Sinn,
Anthropologie – Menschenbild von der Freiheit des Willens.
Gerade die philosophische Dimension eröffnet die größte Nähe zur Ikigai-Philosophie:
Die Frage, was das Leben lebenswert macht.
Frankls Ansatz ist geprägt von einer radikalen Verantwortungsethik: wir sind nicht frei vom Leid, aber wir sind frei, ihm eine Bedeutung zu geben.
Grundprinzipien der Logotherapie
a) Der Wille zum Sinn
Der Mensch strebt nicht primär nach Lust oder Macht, sondern nach Sinn. Selbst widrigste Umstände lassen sich ertragen, wenn sie in einen Sinn eingebettet sind. Frankl überlebte das KZ, weil er seine Lehre weitergeben wollte.
b) Freiheit und Verantwortung
Frankl spricht von der „Trotzmacht des Geistes“. Auch wenn äußere Umstände unveränderbar sind, bleibt die Freiheit, die eigene Haltung zu wählen.
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit.“
c) Die Bedeutung des Leidens
Leid ist nicht per se sinnlos. Wer im Leiden einen Sinn erkennt, kann daran wachsen. Viele Patienten – etwa mit schwerer Krankheit – erleben ihr Leiden als Teil ihrer Geschichte, das nicht zerstört, sondern vertieft.
Drei Wege zum Sinn
Frankl beschreibt drei „Wertewege“:
Schöpferische Werte – Sinn durch Tun
Etwas erschaffen oder beitragen: ein Buch schreiben, ein Bild malen, ein Projekt verwirklichen, aber auch eine Mahlzeit mit Liebe kochen.Erlebniswerte – Sinn durch Erleben
Sinn erfahren in Begegnungen oder Momenten: ein Sonnenuntergang, ein inspirierendes Gespräch, Musik, Natur. Diese Werte stehen auch Menschen offen, die nicht mehr aktiv handeln können.Einstellungswerte – Sinn trotz Leiden
Wenn Tun und Erleben nicht mehr möglich sind, bleibt die Freiheit der Haltung. Sinn zeigt sich in der Art, wie wir Unvermeidbares annehmen.
Beispiele: Frankls Haltung im KZ; Nelson Mandela, der Jahrzehnte Haft als Vorbereitung für Versöhnung verstand.
Was macht die Logotherapie so bedeutsam?
Viele Menschen durchlaufen Sinnkrisen – ausgelöst durch Lebensübergänge, Verluste, Krankheit oder gesellschaftliche Umbrüche. In einer Zeit multipler Krisen, in der klassische Sinnquellen wie Religion oder Tradition schwächer geworden sind, gewinnt die Logotherapie an Aktualität.
Viktor E. Frankl griff in diesem Zusammenhang ein Wort Friedrich Nietzsches auf, das er häufig zitierte und in seinen eigenen Kontext stellte:
„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
Frankl sah darin die Essenz des menschlichen Ringens: Wer einen Sinn, ein „Warum“ erkennt, kann auch widrigste Lebensumstände tragen und gestalten.
Anwendungsfelder:
Psychotherapie bei Depression, Angst, Zwangsstörungen, Sinnkrisen
Lebens- und Berufsberatung, Fragen nach Berufung und Übergängen
Arbeitswelt: junge Generationen suchen Sinn, Zugehörigkeit und Werte stärker als reine Sicherheit oder Status („Purpose“).
Studien (u. a. Hans Rusinek, McKinsey, KAS) zeigen: Unternehmen, die Sinn ermöglichen, sind resilienter und innovativer.
Gemeinsame Linien: Ikigai und Logotherapie
Obwohl sich Mieko Kamiya und Viktor E. Frankl nie begegnet sind (sie hätten sich fast zwischen Genf und Wien begegnen könne), weisen ihre Gedanken eine tiefe Verwandtschaft auf. Beide beschreiben den Menschen als Suchenden, der im Spannungsfeld von Freiheit, Verantwortung und Hoffnung lebt.
Bei Viktor E. Frankl steht der Gedanke im Vordergrund, dass wir auch im Leid Sinn finden können:
”Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, muss auch Leiden einen Sinn haben.”Bei Mieko Kamiya waren es auch biografische Rückschläge, die die Frage nach dem Sinn forcierten. Sie frage sich
”Wie können wir Sinn (wieder) finden, wenn wir ihn einmal verloren haben?”.
Der Verlust ihres Geliebten (Kazuhiko) war hier ein Auslöser.
Für sie war Ikigai zudem eine Frage von Berufung und auch eine spirituelle Frage: Warum existiere ich?
Diese Frage diskutierte sie in ihren Gedichten und Tagebüchern immer wieder mit ihrer Vorstellung von Gott (sie war u.a. in ihrem Leben auf einem Bible College in den U.S.A. und ihre Eltern schlossen sich christlichen Gruppen in Japan an).Mieko Kamiya bezog sich bei ihrer Definition vom Ikigai-Gefühl, das sogenannte “Ikigai-kan”, direkt auf Viktor Frankl.
Gemeinsam zeigen sie Wege, wie Menschen trotz Bruchstellen und Krisen Orientierung und innere Stärke entwickeln können.
Reflexion: Dein eigenes Sinnerleben
Die Logotherapie beschreibt drei Wege, auf denen Menschen Sinn erfahren können. Jeder dieser Wege eröffnet eine eigene Form des Sinnerlebens. Du kannst sie für dich prüfen – und dabei entdecken, welche Sinnquelle für dich gerade besonders bedeutsam ist.
Schöpferische Werte – Sinn durch Tun
Wir erleben Sinn, wenn wir etwas gestalten, beitragen oder verwirklichen. Dabei geht es nicht nur um „große Werke“, sondern auch um kleine, alltägliche Handlungen. Ein Brief, den du schreibst. Ein Gespräch, das du führst. Eine Mahlzeit, die du mit Hingabe zubereitest.
Fragen an dich:
Was habe ich in letzter Zeit getan, das für mich oder andere Bedeutung hatte?
Wo habe ich erlebt, dass mein Handeln Wirkung entfaltet – klein oder groß?
Gibt es etwas, das ich in den kommenden Wochen erschaffen oder beitragen möchte?
Erlebniswerte – Sinn durch Erleben
Sinn zeigt sich auch in der bewussten Wahrnehmung. In Begegnungen, in Naturmomenten, in Musik oder in Kunst. Oft sind es kleine Augenblicke, die sich tief einprägen: ein Sonnenaufgang, ein herzliches Lachen, eine stille Verbundenheit mit einem Menschen.
Fragen an dich:
Welcher Moment der letzten Zeit war für mich besonders wertvoll?
Wann habe ich zuletzt Schönheit, Tiefe oder Resonanz gespürt?
Wie kann ich mir im Alltag mehr Räume schaffen, um Sinn durch Erleben zu nähren?
Einstellungswerte – Sinn trotz Bedrängung, Leiden
Wenn wir weder handeln noch genießen können, bleibt dennoch eine Freiheit: die Haltung, mit der wir dem Unvermeidbaren begegnen. Diese Haltung kann Leiden nicht ungeschehen machen, aber sie kann ihm Bedeutung geben. Viele Menschen berichten, dass gerade in schweren Zeiten eine innere Klarheit und Tiefe entsteht. Diese Frage ist im wahrsten Sinne des Wortes existenziell.
“Wenn wir in diesem Punkte Klarheit haben, sind wir gestärkt (heute: “resilient”) auch in Zeiten von Bedrohungen, Rückschlägen und Herausforderungen. Unsere Werte sind dann unser wichtigster Anker.” – Motoki Tonn
Fragen an dich:
Wo erlebe ich gerade Bedrängung oder einer Herausforderung – und wie gehe ich damit um?
Welche Haltung möchte ich diesem Teil meines Lebens entgegenbringen?
Könnte in diesem Leiden eine Bedeutung liegen, die über mich hinausweist?
Michaels Musik für deine Reflexion
Such dir aus, mit welchem Stück Michael Nickel dich begleiten darf, während du deinem Ikigai weiter auf den Grund gehst.