Mit Kintsugi Ostern retten

Ein wenig unwohl fühle ich mich dabei, meine Nudi Jeans schon wieder zur Reparatur zu bringen. Vor vielen Jahren habe ich von Freunden eine Jeans geschenkt bekommen und mir wurde gesagt, dass ich diese Jeans ein Leben lang zur hauseigenen Reparaturwerkstatt vorbeibringen darf – kostenfrei.
Zum vierten Mal in all den Jahren bringe ich sie wieder in die Memhardstraße. In dem Moment, als ich die Hose bei der Frau hinter dem Tresen abgebe, überkommt mich ein Schamgefühl. Leise stammle ich, ob es denn okay wäre, wenn die Löcher in meinen Seitentaschen repariert werden könnten. Ich fühle mich ein wenig so, als ob ich den guten Willen dieser Jeans-Marke ausnutze.

Da ich selbst nicht der größte Handwerksprofi bin, tendiere ich oft dazu, wenn mir etwas kaputtgeht, es mit einem neuen Produkt zu ersetzen. Ist es nicht so, dass die meisten Gegenstände in unserem Alltag, abgesehen von Chucks, unattraktiver werden, wenn wir sie abnutzen? Und ja, oft möchte ich einfach das Neue – nicht nur, weil es abgenutzt ist, sondern weil es schlichtweg zu altbacken geworden ist.

Eine ähnliche Logik beobachte ich in Bezug auf Ostern im Christentum. Es gibt da so ein Ideal, eine Makellosigkeit, die es immer wieder zu erstreben gilt. Der Auferstandene! Wir sehnen uns nach einem Idealbild, dem Wahren, Schönen und Guten!

Das Wort Gnade ist daher oftmals vorgeschoben, so eine Art Notlösung, die das Ideal retten soll. Das Problem des Christentums ist nicht, dass es zu wenig Gnade predigt. Sondern dass es weiterhin ein Ideal aufrechterhält, das Gnade überhaupt erst nötig macht.

Jene Kosmetik des Christentums hat sich ganz dieser kapitalistischen Logik des Ersetzens statt Reparierens verschrieben, die auf mechanische Art versucht, ein Idealbild anzustreben. Dabei schlich sich eine Kultur der Scham in ihre Reihen ein, die das Verbergen zu einem Leitwert machte und eine Fassade aufbauen ließ, weil auch da niemand diesem makellosen Ideal entsprechen konnte.

War es nicht so, dass Jesus nach seiner Auferstehung weiterhin mit Wundmalen gezeichnet war? In der Auferstehungsgeschichte taucht der sogenannte ungläubige Thomas auf, der nicht glauben wollte, dass es Jesus ist, der da auferstanden ist. Er wollte erst seine Wundmale sehen. Thomas ist die Person in der Geschichte, die uns möglicherweise nahebringen kann, was Glaube meinen könnte.

Ich werde gleich auf Thomas zurückkommen. Zunächst möchte ich noch einmal die Frage stellen, warum Kirche überhaupt noch das Ideal der Makellosigkeit produziert, das die Gnade erst zu einer Notlösung macht?

An dieser Stelle möchte ich euch eine Geschichte erzählen, warum ich glaube, dass die Kirche sich von Kintsugi inspirieren lassen könnte, um sich ihrem ureigenen Kern anzunähern:

Mir ist letztes Jahr ein Malheur passiert. In meiner Wohnung in Berlin habe ich einen großen, robusten, vergoldeten Rahmen mit der Gravur von Max Liebermann. In diesem Rahmen steckte einst ein Original des bedeutendsten deutschen impressionistischen Malers. Der Rahmen steht an der Wand angelehnt auf einer Kommode. Davor hatte ich eine kleine, süße Vase, ein Kunstwerk von Carlotta von Plettenberg, aufgestellt.

Als ich eines Tages mein Zimmer sauber machte – ich weiß nicht, wie mir geschah – fiel plötzlich der wuchtige Rahmen auf diese Vase und zerbrach sie.

Das war nicht irgendeine Vase, sondern ein ausgestelltes Original, das Carlotta mir freundlicherweise geschenkt hatte. Mir stockte der Atem wie selten zuvor – in Sekundenschnelle wurde mir klar, was ein Kunstwerk an Wert in sich trägt, weil es unersetzbar ist.

In meiner Traurigkeit und Wut über mich selbst erinnerte ich mich daran, dass ich als Pianist zahlreiche Kintsugi-Kurse mit Klaus Motoki Tonn begleitet habe.

All das Nachdenken und Sprechen über Kintsugi wurde schlagartig real. Jetzt könnte das real werden, worüber ich so oft spreche, woran ich doch glaube: dass im Zerbruch die Möglichkeit einer größeren Schönheit liegt.
So verstehe ich meinen christlichen Glauben.

Beim Kintsugi werden zerbrochene Keramikstücke zunächst mit Urushi, einem natürlichen Lack aus Baumharz, wieder zusammengefügt. Der Lack härtet langsam unter feuchten Bedingungen aus und wirkt dabei als starkes Bindemittel. Anschließend werden die Bruchstellen erneut mit Urushi bestrichen und mit feinem Gold-, Silber- oder Messingpulver bestreut. Das ist ein sehr langer Prozess.
Langsam entstehen sichtbare, metallisch hervorgehobene Linien, die die Struktur stabilisieren und zugleich die Bruchstellen bewusst betonen.

Der Bruch bleibt sichtbar. Gold sitzt im Riss. Das Gefäß wird nicht wie vorher und auch keine Idealversion seiner selbst. War es vorher denn überhaupt ideal? Und was soll das überhaupt sein, ein Ideal? Beim Kintsugi wird der Bruch nicht versteckt, die Narbe nicht kaschiert. Die Geschichte bleibt sichtbar, die Form wandelt sich, aber wird nicht ersetzt. Kintsugi integriert die Vergangenheit.
Sie lässt sich nicht löschen – aber neu sehen.

Durch die Vergoldung der Risse eröffnet sich für mich eine neue Sicht auf ihre Sanftheit und Würde. Das ist Ostern. Der Bruch wird nicht überwunden, sondern eingearbeitet.

Verwundbarkeit ist keine tabuisierte Privatsache, sondern eine öffentlichkeitswirksame Angelegenheit. Ist unsere Gesellschaft daher so verwundbar, weil sie eben jene Verwundbarkeit erst gar nicht zulässt, gar nicht erst auf diese Ebene des Umgangs mit Verwundbarkeit kommt?

Ich wollte ja noch zu Thomas zurückkommen, denn seine Figur hat der Kirche heute etwas Entscheidendes zu erzählen:

Als Jesus aufersteht, will Thomas das erst einmal nicht glauben. Er war nicht dabei. Er hat es nicht gesehen. So muss Jesus ihm seine Wundmale zeigen.

Thomas stand mir als gläubigen Menschen lange wie ein schwacher Charakter vor Augen. Einer, der Beweise braucht. Einer, der nicht einfach glauben kann. Aber vielleicht ist es genau andersherum. Möglicherweise ist Thomas nicht der Zweifler, sondern der Erste nach der Auferstehung, der nicht mehr an eine makellose Version von Gott glaubt. Vielleicht ist es nicht der Zweifel an Gott, der heute die Menschen aus der Kirche treibt, sondern die Version eines Gottes, der aalglatt geworden ist, eines Gottes, der keine Wunden tragen darf.

Auferstehung löscht die Wundmale nicht, sie lässt sie neu sehen – wie Kintsugi.
Jesus wird an seinen Wunden erkannt. Sie stehen im Zentrum der Auferstehungsbotschaft.

Würde zeigt sich vielleicht genau darin, dass wir verwundbar sind – und gerade deshalb bedürfen wir ihrer.

Vielleicht entscheidet sich genau hier, wie wir mit unserem Leben umgehen.

Wie sehen wir Gold? Als eine Farbe der glänzend perfektionistischen Oberfläche, als ein Sehnsuchtsobjekt wie das Goldene Kalb, in das wir unsere Angst hineinwerfen möchten? Oder sehen wir es doch mehr als ein tiefgründiges Leuchten im Riss, das seinen Wert darin begründet, unsere Zerbrüche zu integrieren und eine Ästhetik der Erlösung zu eröffnen?

Unsere Gegenwart leidet nicht an Perfektionsmangel, sondern an Erschöpfung durch Selbstoptimierung. Kirche wirkt da oft als spirituelle Verlängerung dieser Selbstoptimierungskultur.

Wäre das nicht eine interessante Gegenthese:
„Hier darf dein Riss sichtbar bleiben.“

Glauben Christen eigentlich wirklich an die Auferstehung –
oder nur an eine saubere Version ihres Lebens?

Kirche kann von Kintsugi lernen. Vielleicht braucht es keine Reise zurück nach Eden, sondern eine goldadernd von Rissen gezeichnete Reise in die Zukunft, in der die eigene Biografie mit all den eingefangenen Wunden integrierend weitergeht.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass wir so oft nach einem makellosen Leben streben.
Es ist die gleiche Bewegung: der Versuch, Unsicherheit zu überdecken, Brüche zu glätten, Kontrolle zu gewinnen.

Aber Ostern erzählt eine andere Geschichte.

Nicht das Glatte gewinnt.
Nicht das Perfekte setzt sich durch.

Meine Wunden werden nicht weggezaubert,
sie werden verwandelt.

Sie sind nicht mehr das Ende.
Sie werden Teil meiner Geschichte.

Ostern ist eine Einladung.

Dass ich nicht mein Ideal werden muss.
Dass ich meine Geschichte nicht verstecken muss.

Dass in mir etwas zu leuchten beginnt –
genau dort, wo ich dachte, es sei zerbrochen.

Und vielleicht ist das das Gold, das ich wirklich gesucht habe.

_

Für mich hat die Idee von Kintsugi mein Bild vom Christentum überraschend wieder zum Kern zurückgeführt.

Es geht um kein perfektes Ideal, sondern die Risse im Leben in meine Zukunft zu integrieren.

Genau daraus ist auch unser Kintsugi Online Kurs entstanden:

„Narben aus Gold“

15 Videolektionen, ein E-Book und ein Arbeitsbuch –
so aufgebaut, dass du direkt anfangen kannst.

Vielleicht ist das kein Kurs über Keramik.
Sondern über den Umgang mit der eigenen Geschichte.

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Ma – Zwischen Tor und Sonne