Ikigai und die Spannkraft des Herzens nach Mieko Kamiya

Was nährt die Spannkraft des Herzens?

Für die Begründerin des wahren Ikigai, Mieko Kamiyas, war klar: Ikigai ist kein Ziel, das wir irgendwann erreichen, sondern eine lebendige Bewegung.

Dazu braucht es eine Spannkraft – wie eine Saite auf der wir spielen können oder ein Seil, über das wir gehen können.
Der japanische Ausdruck, den Mieko Kamiya dafür verwendet, ist „Kokoro no Hari“ – die Spannkraft des Herzens.

Damit stehen wir an einer wichtigen Frage ihrer Ikigai-Psychologie:

Wodurch entsteht eigentlich diese Spannkraft?

Oder anders gefragt:

Was unterstützt unser Herz, unseren Geist und unsere Seele, damit wir das Leben in dieser Spannung als lebenswert erleben können?

Genau dieser Frage widmet sich Mieko Kamiya im weiteren Verlauf ihres Buches.

Sie beobachtete erkrankte Menschen, reflektiert ihre eigenen Erfahrungen und verband diese mit psychologischen, philosophischen und medizinischen Erkenntnissen. Schritt für Schritt entstand dadurch ein tieferes Verständnis davon, welche (existenziellen) Bedürfnisse Menschen in Not, Isolation und auch in Momenten von Erfüllung und Freude haben – und welche Erfahrungen dazu beitragen, dass das Gefühl entsteht, das Leben sei lebenswert.

Je länger wir uns bei Finde Zukunft mit ihrem Werk beschäftigen, desto deutlicher wird uns, wie wichtig dieser Zugang ist.

Als wir vor einigen Jahren begannen, Ikigai intensiver zu erforschen und später unser Buch Ikigai – Das Geheimnis der kleinen Dinge schrieben, standen für uns zunächst einzelne Begriffe im Vordergrund: Ikigai, Resonanz, kleine Freuden, Gemeinschaft oder Dankbarkeit. Mit jeder weiteren Übersetzung von Kamiyas Werk, mit jeder Rückkehr zu ihren Originaltexten und mit jedem Seminar, Retreat und Gespräch mit Menschen, die ihren eigenen Ikigai suchen, hat sich unser Verständnis jedoch verändert.

Wir haben begonnen zu erkennen, dass Kamiya viel weniger über einzelne Begriffe schreibt als über die Bedürfnisse des Menschen. Immer wieder beschreibt sie Erfahrungen, die unserem Herzen Spannkraft verleihen. Erfahrungen, die uns wachsen lassen, die Hoffnung geben, Beziehungen vertiefen, Zukunft eröffnen oder uns mit etwas verbinden, das größer ist als wir selbst.

Deshalb verstehen wir die folgenden Dimensionen heute nicht mehr als einzelne Themen oder Kapitel.

Wir verstehen sie als Ausdruck menschlicher Grundbedürfnisse, die immer wieder dazu beitragen, dass unser Kokoro no Hari, unsere innere Spannkraft, lebendig bleibt.

Genau dieser Frage geht Mieko Kamiya im weiteren Verlauf ihres Buches nach. Sie beobachtet, dass Menschen immer wieder von ähnlichen Erfahrungen berichten, wenn sie ihr Leben als erfüllt, sinnvoll oder lebenswert beschreiben. Aus diesen Beobachtungen entwickelt sie verschiedene Dimensionen des Ikigai-Gefühls. Sie versteht diese nicht als starre Kategorien, sondern als menschliche Bedürfnisse und Erfahrungen, die unsere innere Spannkraft stärken und uns helfen, das Leben als bedeutsam zu erleben.

Zu diesen Dimensionen gehören:

  • Lebenszufriedenheit – die Fähigkeit, das wahrzunehmen und wertzuschätzen, was bereits da ist.

  • Wachstum und Veränderung – das Bedürfnis, sich zu entwickeln und Neues zu lernen.

  • Eine gute Zukunftsperspektive – die Erfahrung, dass unser Leben Richtung und Hoffnung besitzt.

  • Resonanz – lebendige Beziehungen zu Menschen, zur Natur und zur Welt.

  • Freiheit – die Möglichkeit, das eigene Leben mitzugestalten.

  • Selbstverwirklichung – die eigenen Fähigkeiten entfalten und als ganzer Mensch leben zu können.

  • Bedeutung und Wert – das Gefühl, dass das eigene Leben von Bedeutung ist und einen Beitrag leistet.

Diese Dimensionen sind eng miteinander verbunden: Etwa Wachstum, Veränderung und Zukunft oder Resonanz und Bedeutung und Wert – oder Freiheit und Selbstverwirklichung. Gemeinsam bilden sie einen Rahmen, in dem unser Gefühl für Ikigai wachsen kann. Wir werden in der nächsten Woche noch konkrete Beispiele dafür geben, wie diese Dimensionen sich beeinflussen können.

Sie beeinflussen sich gegenseitig und treten häufig gemeinsam auf. Wachstum und Veränderung ermöglichen (wenn wir es zulassen) neue Zukunftsperspektiven. Resonanz lässt uns Bedeutung und Wert erleben im Alltag erleben. Freiheit schafft den Raum, in dem unsere Selbstverwirklichung überhaupt möglich wird. Deshalb betrachten wir diese Dimensionen heute weniger als einzelne Bereiche, sondern vielmehr als zusammenhängende Achsen, die sich gegenseitig beeinflussen können..

Dabei ist die exakte Reihenfolge dieser Dimensionen nicht entscheidend. Manchmal stärkt uns eine gute Beziehung. Manchmal ist es das Gefühl von Wachstum. Manchmal entsteht neue Kraft aus Dankbarkeit, aus dem Schreiben dieser Texte oder Musik (bei Michael Nickel etwa), einer Aufgabe oder aus einer konkreten Hoffnung für die Zukunft. Manchmal reicht schon ein Spaziergang durch den Wald oder ein gutes Gespräch, damit unser Herz wieder in Resonanz mit dem Leben kommt.

Deshalb nutzten wir das IKIGAI-Jahr, um diese Dimensionen Schritt für Schritt, begleitet mit praktischen Fragen, erkunden. 

Zeit für Reflexion

Nimm dir einen Moment Zeit und schaue auf die sieben Dimensionen.

  • Welche davon ist im Augenblick besonders lebendig in deinem Leben?

  • Welche gibt dir Kraft, Hoffnung oder Orientierung?

  • Welche ist in den vergangenen Monaten etwas in den Hintergrund geraten?

  • Und welche kleine Veränderung (welcher erste Schritt) könnte dazu beitragen, dass sie wieder mehr Raum bekommt?

Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus unseren 52-Wochen-Impulsen „1 Jahr IKIGAI“.

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