Er verstand das Gehirn wie kaum ein anderer – und fand im eigenen Herzen seine größte Entdeckung

Unsere Geschichte mit James Doty

James muss jetzt ganz stark sein.

Vor ihm liegt sein geliebtes, aus England mitgebrachtes Lackgeschirr in unzähligen Einzelteilen auf dem Boden. Das Regal, auf dem es stand, ist gleich mit in sich zusammengebrochen. Wie versteinert warten seine beiden Jungs auf die Reaktion ihres Vaters.

James spürt, wie Wut in ihm aufsteigt. Es wäre nichts Außergewöhnliches, wenn Vater James seine beiden Jungs jetzt ordentlich zusammenschreien würde. Genau das passiert täglich in tausenden Familien.

Doch James hält inne. Er atmet ein. Er atmet aus. Ein Lächeln legt sich auf seine Lippen.Eine zweite Emotion entfacht sich in ihm: Dankbarkeit für seine beiden Jungs. Sinngemäß sagt er zu ihnen:

„Lasst uns weitermachen, Jungs.“

Diese Geschichte erzählte uns James Doty einmal selbst. Und rückblickend scheint sie einen Kern seiner Entdeckungen über das Leben zusammenzufassen.

Motoki erzählte mir einmal: Wenn er an James Doty denke, dann denke er an einen Menschen, der gezeigt hat, was möglich wird, wenn man im eigenen Leben aufgeräumt hat. Wenn man sich versöhnt hat. Nicht nur mit anderen Menschen oder mit den Dingen, die einem widerfahren sind, sondern vielleicht am meisten mit sich selbst.

Denn wenn ein Mensch diese innere Arbeit getan hat, dann entsteht eine besondere Freiheit. Dann kann man auch vor hunderten Menschen stehen und trotzdem ganz nahbar bleiben.

Genau das durften wir in unseren Begegnungen und Webinaren mit James erleben: wie präsent er war, wie zugewandt, wie sehr er bei sich selbst und gleichzeitig ganz beim Gegenüber sein konnte.

James sprach nicht einfach über Compassion.
Er lebte sie.

Was mich insbesondere beim letzten gemeinsamen Seminar mit James berührte, war seine Verletzlichkeit.
Man spürte, dass ihn die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen bewegten. Man sah es ihm an. Er wirkte erschüttert und rang sichtbar mit dem, was in der Welt geschah.

Das hat mich irgendwie berührt, wenngleich ich auch einen enttäuschten James vor mir sah. Ich sah keinen Menschen, der sich hinter einer professionellen Fassade versteckte, sondern einen Menschen, den das Leid dieser Welt noch immer etwas anging.

Der Neurochirurg, der sein Leben damit verbrachte, andere Menschen zu heilen, wurde am Ende selbst Patient und erlag vor genau einem Jahr im Alter von 69 Jahren den Folgen schwerer gesundheitlicher Komplikationen.

Wenn wir heute an James Doty denken, denken wir nicht zuerst an den renommierten Stanford-Professor. Nicht an den international bekannten Neurochirurgen. Nicht an den Autor zahlreicher Bücher oder den Gründer des Center for Compassion and Altruism Research and Education, welches er mit dem Dalai Lama 2008 ins Leben gerufen hatte.

Wir erinnern uns an einen leidenschaftlichen Menschen in unseren Seminaren. Einen Menschen, der Theorie und Praxis so miteinander verwebte, wie es sich nur wenige Wissenschaftler trauten.

Von einer Welt kommend, die Gehirn und Herz immer wieder gegeneinander ausspielte, führte er beides wieder zusammen.

Als Kind wuchs James Doty in schwierigen Verhältnissen auf. Seine Familie hatte kaum Geld. Sein Vater kämpfte mit Alkoholproblemen, seine Mutter mit psychischen Belastungen. James beschreibt sich selbst als Jungen voller Unsicherheit, Scham und Wut.

Mit zwölf Jahren begegnete er in einem kleinen Zauberladen einer Frau namens Ruth. Sie brachte ihm keine Zaubertricks mit Karten oder Zauberstäben bei. Stattdessen zeigte sie ihm vier einfache Übungen für das Leben:

  • den Körper entspannen,

  • den Geist beruhigen,

  • das Herz öffnen,

  • und eine klare Absicht entwickeln.

Diese Begegnung schenkte ihm eine Perspektive für sein Leben.

Besonders eine Botschaft blieb:

„Es reicht nicht, den Verstand zu trainieren. Du musst auch dein Herz öffnen.“

Allerdings ging dieser Teil später verloren.

James nutzte vieles von dem, was Ruth ihm beigebracht hatte, zunächst vor allem für seine Karriere. Er wurde Unternehmer, investierte erfolgreich, wurde Neurochirurg und erreichte vieles von dem, wovon der Junge aus dem Magic Shop einst geträumt hatte.

Nach außen schien sich sein Leben vollkommen zu erfüllen.

Doch irgendwann merkte James, dass er zwar die Technik gelernt hatte, aber den Kern vergessen hatte. Er hatte gelernt, seine Aufmerksamkeit und seinen Willen zu fokussieren, doch das Mitgefühl, das Ruth ihm eigentlich hatte mitgeben wollen, war in den Hintergrund geraten.

Er selbst schrieb später sinngemäß, dass er fast immer das bekam, was er wollte – jedoch nicht das, was er wirklich brauchte.

Dann kam die Krise.

Er verlor große Teile seines Vermögens und musste erkennen, dass Erfolg allein das Herz nicht erfüllen kann.

Aus dieser Erfahrung entstand ein grundlegender Perspektivwechsel.

Es ging nicht mehr um die Frage:

„Wie bekomme ich, was ich will?“

Sondern:

„Wie werde ich ein Mensch, der mit offenem Herzen lebt?“

Aus dieser Rückkehr entstanden später seine Bücher, seine Arbeit am Stanford Center for Compassion and Altruism Research and Education und sein unermüdlicher Einsatz dafür, Mitgefühl wissenschaftlich zu erforschen und gleichzeitig praktisch zu leben.

Vielleicht war genau das eine der größten Entdeckungen von James Doty. 

Nicht, dass das Gehirn unwichtig wäre. Sondern dass das Gehirn allein den Menschen nicht erklären kann.

In seinen Büchern können wir bis heute etwas von seinem Herzen entdecken. Vielleicht besonders von dem Herzen eines Neurochirurgen, der erst im Laufe seines Lebens erkannte, wie wichtig es ist, nicht nur das Gehirn zu verstehen, sondern auch das eigene Herz wiederzufinden.

„So ist es auch mit den Wunden in unseren Herzen. Wir müssen ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken, damit sie heilen können. Sonst verursachen die Wunden weiterhin Schmerzen.“
– James R. Doty


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