Die Wiedergutmachung
Warum ich meinem Physiotherapeuten Honigwein schenkte
Foto: Klaus Motoki Tonn
Model: Ich :)
Herr Schmeißer saß bedröppelt am Schreibtisch, als ich eine halbe Stunde zu spät zum Termin erschien.
Das machte mich sehr traurig und wütend über mich selbst, seine und meine verlorene Zeit.
Ich habe in meinem Leben und auch in meinem Theologiestudium gelernt, dass man auf der technischen Ebene nichts wiedergutmachen kann. Ich kann ja nicht irgendeinen Fehler, den ich gemacht habe, genauso zurückverdecken, als sei er nie gewesen.
Es nützt also nichts, wenn ich mir jetzt den Kopf zerbreche, wie ich das wieder gut machen kann – und vor allem die Spannung,
die ich zwischen Herrn Schmeißer und mir empfunden habe, wieder regeln könnte.
Nichtsdestotrotz erstaunte ich über mich selbst, dass ich recht schnell in das Denken hineingelangte,
wie ich das jetzt wieder gut machen könnte.
Liegt es auch daran, dass ich den Typen mag, der 1986 mit seinen Berliner Eisbären DDR-Eishockeymeister wurde?
Der jetzt im April seinen letzten Monat vor der Rente hat und mir,
während ich auf dem Massagetisch liege, leidenschaftlich von seinen Ausflügen nach den verlorenen Pilzen erzählt?
Jemand, der in meiner Berlin-Mitte-Blase so gar nicht auftaucht und den ich doch genau dort,
in der Oranienburger Straße immer wieder antreffe.
Ich habe auch gelernt – um es mal ein wenig überspitzt auszudrücken –,
dass Wiedergutmachen oft sehr unsexy daherkommt.
Warum?
Weil es oft nur um die Rettung des eigenen Ichs geht.
Das ist es ja auch, was ich in meinem christlichen Glauben immer gelernt habe:
Michael, du kannst dich nicht selbst retten – jedenfalls nicht so.
Ich, der ich immer die Welt retten wollte, kämpfe heute immer noch damit, mich selbst retten zu wollen
und zu hinterfragen, warum ich das tue.
Ich überlegte bis zum nächsten Termin, ob ich ihm ein Geschenk mitbringen sollte.
Warum sollte ich das tun?
Michael, es geht hier nicht nur um dich und dein Gewissen, flüsterte mein Gewissen mir ständig ins Ohr …
Ich entschied mich, dass es schön wäre, mit einem kleinen Präsent aufzutauchen – und habe für mich reflektiert, warum:
Ich möchte die Achtsamkeit über mein Versehen ausdrücken,
dafür sensibel sein, wenn ich mich nicht an etwas halten konnte, was abgemacht war.
Für mich zeigt es, dass ich mein Gegenüber nicht vergessen habe
und dass ich es nicht als selbstverständlich nehme, dass er mir einfach so verzeiht.
Ich meine, hier handelt es sich nur um eine sehr kleine Sache.
Aber gerade deswegen ist es ja so schön, es daran zu reflektieren.
Mir war wichtig, dass ich für mich folgendes reflektiere:
Es geht mir nicht um eine Rechtfertigung,
sondern um die Beziehung.
Darum, dass ich seine Zeit wertschätzen möchte
und dass es mir nicht egal war,
dass er durch mich eine halbe Stunde verloren hat.
Achtsamkeit erweist sich für mich also nicht nur morgens, wenn ich mich um mich selbst kümmere,
sondern im Beziehungsgeflecht zum Anderen.
Wäre es nicht gut, den Achtsamkeitsbegriff aus dieser Selbstbezogenheit herauszuholen
und ihn auch als Aufmerksamkeit für den Nächsten zu verstehen?
Und der Scherz der Geschichte – über den ich beim Schreiben selbst lachen muss – ist,
dass ich zum nächsten Termin tatsächlich eine halbe Stunde zu früh kam.
Ich merke: So ganz frei bin ich noch nicht.
Ich wollte es einfach nicht wieder versemmeln.
Zum Glück habe ich immer ein Buch dabei, sodass mir nie langweilig wird. ;)
Es hat mich folglich gefreut,
dass er das Geschenk einfach angenommen hat.
Einen von meinem Freund Jakob selbst gemachten Honigwein, den ich eigentlich mit paar Freunden ausprobieren wollte. 😬😌
Ich kann jetzt nicht mit einer Tafel Schokolade auftauchen! 😅
Ohne großes Drama.
Ohne jeglichen moralischen Unterton.
Einfach ein Danke - Und da merkte ich ganz am Rande bemerkt, wie schön Dankbarkeit doch sein kann. 🥹
Und in diesem Moment war etwas gelöst.
Nicht, weil alles „wieder gut“ war.
Sondern weil etwas wieder in Beziehung war.
Möglicherweise liegt hier der Unterschied –
und auch das, was ich mit diesem Artikel erzählen möchte:
Ich will nicht von meinem schlechten Gewissen befreit werden.
Ich will lernen, mit meinen Unzulänglichkeiten wach zu bleiben.
Es gibt diese leise Versuchung,
aus allem, aus jedem Fehler sofort eine Selbstoptimierung zu machen.
Schnell sagt man dann, Krisen seien dornige Chancen. 🙄
Ich habe ja im Artikel darüber, wie Kintsugi Ostern retten kann, beschrieben,
wie die Vergoldung der Risse den christlichen Glauben wieder näher an das bringen könnte,
was ich glaube, das seinen Kern ausmacht.
Ma ist ein weiteres Konzept, das mir als Künstlerpersönlichkeit hilft, das,
woran ich glaube, zu reflektieren:
der Raum dazwischen.
Nicht das muss mich belasten, was passiert ist
Nicht das plagen, das was wieder gut sein soll.
Sondern das, was dazwischen entsteht.
In all dem ist Gnade verwoben - sie umhüllt alles.
Vielleicht ist genau das der Ort der Wiedergutmachung:
Ein kleiner Raum,
in dem ich nicht perfekt bin
und du mich trotzdem annimmst.
Ich freue mich auf den Japanischen Weg.
Vielleicht nicht als Weg,
auf dem ich besser werde.
Sondern als Weg,
auf dem ich lerne zu bleiben –
im Dazwischen,
im Unfertigen,
im Menschlichen.