響き Hibiki - Wenn ein zu früh gegangener Mensch nachhallt.

Collection: Hundred Years of Jazz, Darmstadt Exhibition, digitally restored & upscaled with AI

Pfingsten erzählt mir, dass ein Mensch nicht einfach verschwindet.

New York. Wir schreiben den Silvesterabend 1973.

Mein Großcousin Peter ist gerade mal 37 und wird in den Feuilletons als einer der besten Jazz-Bassisten seiner Zeit gehandelt.

Er spielt mit einigen der berühmtesten Musiker überhaupt und hat mit seinem eigenen Oktett im selbigen Jahr seine erste Platte Sincerely P.T. veröffentlicht.

Ich stelle mir vor, wie er sich das anstehende Jahr 1974 ausmalt, mit wem er alles musizieren wird und welche neuen Orte dieser Welt er mit seinem „vollen, runden Ton und großem harmonischen Verständnis, gleichermaßen bestechend beim Begleiten wie in seinen Solos“ beglücken wird.


Er sitzt auf der Rückbank des Autos und was könnte epischer sein, als mit Freunden in New York das neue Jahr zu begrüßen? Das Jahr, in dem mein Bruder André geboren wird und Deutschland zum zweiten Mal Fußballweltmeister werden sollte. Wohin mögen sie unterwegs gewesen sein?

Welche spannenden Menschen hätten sie in jener Silvesternacht noch getroffen?

Der Fahrer fährt auf die Straße und ignoriert in einem scheinbar leichten Übermut Peters Hinweis, dass da ein Auto auf sie zukommt.
In der nächsten Sekunde ist es schon zu spät. Das Auto kracht in das andere Auto und Peter ist tot.

Original photo: WDR / digitally restored & upscaled with AI

Ich fühle dieses viel zu kurze Leben. Ich fühle 響き Hibiki –
eine Verbundenheit, die aus der Vergangenheit nachhallt,

Er ist 37.
Ich werde im August 37.

Seine Mama, liebevoll von uns allen Tante Anna genannt, habe ich noch kennengelernt.
Sie hat ihren eigenen Sohn um mehrere Jahrzehnte überlebt.
Meine Mama hat sich in ihren letzten Lebensjahren um sie gekümmert und mich immer mit in die Altersresidenz genommen.

Schon als kleiner Junge fühlte ich diesen kosmopolitischen Geist von Tante Anna.
Schon jener Duft, der die Wohnung erfüllte, roch nach einem erfahrungsreichen Leben.

Genau jener Geist wurde mir zuteil, als ich Tante Annas Tochter Angela, Peters Schwester und meine Großcousine, auf Mallorca besuchte, wo sie schon in den 70er Jahren das gemacht hat, was in urbanen Räumen nach Corona plötzlich nach Berliner Startup Lifestyle klingt: remote im Homeoffice zu arbeiten.

Wir fuhren gemeinsam durch die Gegend, Angela saß am Steuer und zeigte mir ihr Leben – und dabei stets adrett gekleidet, nicht in besch, wie man es klischeehaft von einer über 80-Jährigen erwarten würde.
Eine Frau, mit der man sich wahrlich gut sehen lassen konnte – innerlich wie äußerlich.

Jenen Geist spüre ich auch in Peter, den ich jedoch nie von Angesicht zu Angesicht kennenlernen durfte.

„Wenn ich sehe, wie er beim Spielen mit dem Kopf wippt, erkenne ich mich wieder.“

Publisher: unknown / digitally restored & upscaled with AI

Ich erinnere mich noch, als ich in der Corona-Zeit ein Hauskonzert vor drei Menschen spielen durfte.
Als ich den letzten Ton erklingen ließ, ertönte neben dem Applaus auch der Satz:
„Herr Nickel, das ist es, womit Sie noch berühmt werden – Ihre Gestik beim Spiel!“

Ist es das, was vom Geiste Peters in mir weiterlebt?

Wenn es in unserer westlichen Kultur einen Tag des Geistes gibt, dann ist es heute. Pfingsten ist die Vorstellung, dass Geist weiterwirkt. Jesus ist zuvor in den Himmel gefahren und der Heilige Geist ist keine Kopie, sondern das Weiterleben Christi in dieser Welt - der Spirit Jesu sozusagen.

Vielleicht zeigt mir Pfingsten mit dieser Geschichte, dass Menschen nicht einfach verschwinden,
sondern in anderer Weise weiterwirken.


In einer Zeit, in der es permanent darum geht, seinem Ich wie einem Betriebssystem neue Updates zu verpassen, fliehen wir oft aus der schwer auszuhaltenden Gegenwart, nur um in einer anderen Gegenwart erneut anzukommen.

Aber ehrlich, wo soll diese Gegenwart sein, in der man angekommen ist?

Original photo: Binder / digitally restored & upscaled with AI -
Peter Trunk b / Hartwig Bartz dr / Albert Mangelsdorff tb / as ? / p ?.

Zukunft braucht Erinnerung.

Ständig sprechen wir davon, innovativ sein zu wollen,
aber vergessen unsere Vergangenheit.

Es ist nicht jene Nostalgie, die ich hier heraufbeschwören möchte.

Hier geht es um meine Wurzeln, die mir Leben spenden,
darum, den Geist und die Kultur meiner Ahnen zu erforschen und zu spüren,
was sie weitergetragen und ein Stück weit auch in mich hineingetragen haben.

Daher habe ich das Gedenkalbum “Still Walking in New York” geschaffen - als ein Requiem für Peter.

Wenn ich mich das nächste Mal dabei beobachten sollte,
die Zukunft wie eine Seifenblase einfangen zu wollen, weil ich das Gefühl habe,
die Zukunft unter Kontrolle bringen zu müssen, weil ich unbedingt Neues hervorbringen muss,
dann werde ich mich ganz ruhig auf einen Stuhl setzen,
das Pustefix auskramen, Seifenblasen machen und mich selbst davor bewahren, jene Blasen einzufangen,
weil ich genau weiß, dass sie platzen werden.

Und dann werde ich beginnen zu träumen.
Denn Träume sind Schönheit – sie platzen nicht,
wenn ich die Zukunft Zukunft sein lasse.
Ich werde die Blasen aufsteigen lassen, solange sie wollen,
und den Nachhall meines Großcousins klingen lasse

Publisher: unknown / digitally restored & upscaled with AI

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