Warum wir um unsere Zukunft trauern – und wo Trost entsteht mit Sylvia Wichmann
Ein Gespräch mit Sylvia Wichmann über Verlust, Zukunft und die Frage, warum Loslassen nicht immer hilft.
Sylvia Wichmann
ist psychologische Beraterin und begleitet Menschen in Trauer- und Verlustprozessen. Aus eigener Erfahrung heraus schafft sie Räume, in denen Emotionen Ausdruck finden dürfen und Halt entstehen kann.
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Im Gespräch mit Sylvia Wichmann: Motoki Tonn & Michael Nickel
Psychologische Beratung & Trauerbegleitung
Motoki: Liebe Sylvia, du begleitest Menschen in ihrer Trauer, in ihrem Verlust – an der Stelle, wo wir merken, das Leben ist endlich. Das ist ja ein Thema, um das viele einen großen Bogen machen – warum begleitest du Menschen in Trauer?
Sylvia: Ich habe selbst einige Verluste durchlebt und habe dadurch gemerkt, wie allein und hilflos man sich fühlen kann. Das möchte ich ändern, Trauer ist ein existenzieller Prozess, den viele allein nicht halten können. Wenn ein Mensch stirbt, bricht nicht nur ein Leben weg – oft bricht auch die eigene innere Ordnung, die geplante Zukunft bricht weg. Ich möchte Räume schaffen, in denen Menschen diese Erschütterung ausdrücken dürfen, statt sie zu verstecken.
„Wo Liebe ist, entsteht Trauer.“
Motoki: Manche denken: „Trauer – muss ich diese Emotion wirklich haben?“ “Brauchen wir die wirklich?”
Sylvia: Es ist ein bisschen wie Ying und Yang oder wie Licht und Schatten. Um das eine empfinden zu können, benötigen wir auch das Gegenteil. Schon im Kindergarten lernen Kinder mit Verlust und kurzer Trauer umzugehen (toter Vogel liegt auf der Straße, Spielzeug wurde weggenommen, so etwas). Wir als Eltern tun uns schwerer damit die Kinder das Aushalten zu lassen und verhindern damit, dass die Kids lernen mit Trauer und Verlust umzugehen. Darum Trauer lässt sich nicht abschaffen!
(Sie ist eine Antwort auf Bindung. Wo Liebe ist, entsteht Trauer, wenn die Verbindung unterbrochen wird. Würden wir die Trauer abschaffen, würden wir auch die Tiefe menschlicher Beziehungen verlieren.)
Motoki: Können wir Werte im Trauerprozess erkennen?
Sylvia: Werte wie Würde, Verbundenheit, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit. Trauer zwingt uns, ehrlich mit uns und unserem Leben zu werden. Sie zeigt, was wirklich zählt. Einige finden zur Religion, andere finden zu sich selbst. Trauer ist wie eine Lupe, die unser Leben in Teilen in Frage stellt.
Wenn Trauer keinen Platz hat
Motoki: Wie erlebt die Gesellschaft Trauer im Alltag?
Sylvia: Häufig als Störung. Viele fühlen sich überfordert, wenn jemand offen trauert. Der Tod macht uns halt auch immer unsere eigene Endlichkeit bewusst und das im Leben nichts sicher ist. Es gibt Erwartungen, schnell wieder „funktionieren“ zu müssen. Trauer bekommt selten den Raum, den sie braucht.
Motoki: Welche Vorstellungen über Trauer würdest du dir wünschen?
Sylvia: Eine Kultur, die Trauer als Teil des Lebens wieder anerkennt. Eine Haltung, die erlaubt, langsam zu sein, verletzlich zu sein, Halt zu suchen. Vor allem, dass wir lernen, jede Art von Trauer zu akzeptieren, manche brauchen viel Ablenkung und andere brauchen viel Ruhe. Das alles ist ok. Trauer sollte nicht als Defizit gelten, sondern als natürliche Reaktion auf Verlust.
„Du wirst nicht verrückt.“
Frage 6: Was ist für dich der Kern von Trauerarbeit? Für mich hat sich tatsächlich bewährt meinen Trauernden mit Fakten zu helfen. Warum bestimmte Dinge passieren, wie sie passieren… Ein Beispiel: wenn der Partner sich jeden Tag um 15 Uhr einen Kaffee in der Küche gemacht hat, erwartet unser Gehirn das auch weiterhin. Es hat gelernt, diese Person tut das um diese Uhrzeit. Diese Verbindung muss unser Gehirn erstmal wieder verlernen und das dauert.
Ich habe festgestellt, dass das neben der Trauer, den Menschen in meiner Praxis oft hilft. Ich versuche ihnen das Gefühl zu nehmen, verrückt zu werden.
Warum Trauer Zeit braucht
Frage 7: Welche Rolle spielt Zeit? Gibt es da eine Orientierung? Das dürfte wohl eine der meistgestellten Fragen in dem Zusammenhang sein. Leider habe ich keine Glaskugel, ich kann nur sagen, dass es seine Zeit dauert, wir dürfen nicht vergessen, dass diese Situation eine absolute Ausnahmesituation darstellt. Manche versuchen die Gefühle wegzutrinken, wegzuarbeiten, etc. die Trauer wartet jedoch, sie wartet bis man bereit ist, ihr den Raum zu geben die sie benötigt.
Frage 8: Wie unterstützt du Menschen in den ersten Wochen nach einem Verlust? In den ersten Wochen sind die meisten so damit beschäftigt alles zu erledigen und funktionieren nur noch, auch aus Angst in der Trauer zu verschwinden. Aktiv „Stopp“ rufen und unterstützen wo man kann. Aktiv und nicht sagen,“ melde dich wenn du was brauchst.“ Das ist ein nett gemeinter Satz, oft haben Trauernde einfach keine Kraft, um sich zu melden. Besser ist es, ich komme morgen mit etwas zu essen, wann passt es dir, mittags oder abends. Ich bringe entweder dies oder das mit, was möchtest du.
Rituale als Halt
Frage 9: Was hilft? Welche Bedeutung haben Rituale? Rituale können helfen, bieten Ankerpunkte. Es gibt so viele unterschiedliche, z. B. sich mit der Trauer zu verabreden, dass man sich einmal zweimal die Woche Zeit nimmt und dann trauert. So kann man das Gefühl der Hilflosigkeit und Überforderung etwas runterschrauben. Oder auch Kintsugi – das kennst du ja auch. Ich mache das in meiner Praxis, wenn die Trauernden bereit sind, das Zerschlagen des Herzens wühlt meist doch sehr auf, der Prozess, der dann entsteht, ist sehr emotional.
„Wir trauern nicht die Vergangenheit – sondern die Zukunft.“
Frage 10: Wie verändert Trauer den Blick auf das eigene Leben? Da gibt es viele unterschiedliche Blickwinkel. Für denjenigen, der trauert, bricht erstmal die komplett geplante Zukunft weg. Wie betrauern nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft, die so nicht mehr stattfinden wird. Das zu verstehen, sich eine neue Zukunft zu erschaffen, die man so nicht wollte, dass es das, was so schwierig ist.
Für Angehörige/Freunde kann sich das „Zeitempfinden“ ändern. Drängende Gedanken von „“…können auftauchen. Das sind meist aber nur kurze Impulse. Was meist vorherrscht, ist das Erkennen, das unser eigenes Leben endlich ist und unsere Zeit mit unseren Liebsten endlich ist – das Gefühl will man natürlich weit wegschieben.
Frage 11: Welche Rolle spielt der Körper? Platt gesagt, ist der Körper unser unbestechlicher Wahrheitsträger. Der zeigt uns eigentlich oft und sehr früh, dass etwas nicht in Ordnung ist, wir haben nur verlernt auf ihn zu hören oder wollen es nicht wahrhaben. In dieser Ausnahmesituation nimmt der Körper oft eine Schutzfunktion ein. Das kann in beide Richtungen gehen, von komplettem Stillstand bis hin zu arbeiten und zu funktionieren. Alles ist erstmal ok und hilft über die ersten Wochen hinweg zu kommen, um das Unheil erstmal zu überleben.
Frage 12: Wie gehen Kinder und Familien mit Trauer um? Kinder sind in der Trauer „Pfützenhüpfer“. Dadurch, dass sie viel mehr im Hier und Jetzt leben, und Gefühle schneller und unbeschwerter erleben, tauchen sie in einem Moment in die Trauer rein, weinen und scheinen aufgelöst und im nächsten Moment sind sie wieder fasziniert von einer Spinne die am Fensterrahmen klettert. Während wir noch dabei sind, Antworten auf die vielen ungefilterten Fragen zu finden. Was mich zu einem wichtigen Punkt bringt, Kinder merken, wie es uns geht. Kinder wollen authentische Antworten auf Fragen, ein ehrliches, „Ich weiß es nicht.“ Oder „Ich weine, weil mir Oma/Opa fehlt“ hilft viel mehr, als zu versuchen, diese Emotionen von den Kindern fernzuhalten. Wir können die Trauer nicht von unseren Kindern fernhalten, wir können mit ihnen zusammen Wege finden, durch die Trauer zu gehen. Gemeinsam nicht allein – mit allen Höhen und Tiefen. Das ist die Beste Vorbereitung auf das Leben
Frage 13: Was ist herausfordernder: der Verlust selbst oder die Zeit danach? Ich persönlich denke, die Zeit danach. Klar, der Moment, „es tut mir leid XY ist verstorben.“ Der ist furchtbar, alles scheint auf einmal zu passieren und irgendwie bleibt doch die Zeit stehen. Das ist ein überwältigendes Gefühl. Dennoch denke ich, dass die Zeit danach, auch wenn viel Zeit vergangen ist, schwieriger ist. Aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen sind es die vielen kleinen Abschiede, die wir dann durchstehen müssen, Telefonnummer löschen, wenn uns klar wird ich kann nicht anrufen, auch wenn ich wollte. Wenn Lieder laufen, etc etc. Erst nach und nach können und sollten wir diese Dinge ins aktive Erinnern mit einbeziehen.
Wie beeinflusst Trauer Beziehungen?
Frage 14: Wie beeinflusst Trauer Beziehungen? Trauer kann Beziehungen negativ beeinflussen uns aber auch zusammenbringen. Wir alle haben schon einmal getrauert oder eine Vorstellung davon wie Trauern funktioniert und übertragen dieses dann auf die Witwe z. B.. Sie lacht ja schon wieder oder ist unterwegs, dann kann sie ihren Partner/Parnerin ja gar nicht richtig geliebt haben, oder eben genau die andere Richtung „Wird es nicht langsam Zeit für jemand neues?“ Das sind alles Dinge, die ruck ausüben. Der Trauernde wird nie wieder so sein, wie er vorher war und das kann zu Veränderungen in Freundschaften oder Familie führen.
Frage 15: Woher kommt die Angst, offen zu trauern? Ich glaube, das hat viel mit unserem Empfinden von Schwäche zu tun. Ich muss jetzt stark sein, ich will andere nicht mit meiner Trauer belasten. Ich will in der Öffentlichkeit einfach nicht weinen – ich schäme mich meine Gefühle so offen zur schau zur stellen. Das sind alles Beweggründe. Und dann kommt noch hinzu, dass man selbst ja merkt, dass sich das gegenüber unwohl fühlt und nicht weiß was zu tun ist.
Nicht alles will losgelassen werden
Frage 16: Gibt es gute und schlechte Trauer? Hm gute Frage. Trauer ist erstmal Trauer. Man kann so vieles betrauern, nicht nur einen menschlichen Verlust, ich habe auch Tierhalter vermehrt bei mir sitzen, da diese überhaupt nicht wissen wohin mit ihrer Trauer. Auch wenn Freundschaften enden, kann es zu Trauerprozessen kommen. Es gibt antizipierte Trauer, wenn man zum Beispiel weiß das jemand im Sterben liegt und man auf den Anruf wartet. Der Verstand beginnt sich schon auf die Nachricht vorzubereiten.
Schlechte Trauer hm…Wenn man das Gefühl hat, dass jemand den Halt komplett verloren hat und überhaupt nicht mehr ins Leben findet, dann sollte doch über Hilfe nachgedacht werden. Ich finde, dass das sowieso zu spät geschieht…
Aber schlechte Trauer??? Fällt mir kein Beispiel ein.
Frage 17: Welche Rolle spielt der Glaube, die Spiritualität? Es gibt Menschen, die finden zur Spiritualität und andere verlieren ihren Glauben an Gott. Das, was in dem Moment jemandem hilft, ist ok.
Frage 18: Was kann ein erster Schritt für Menschen sein, die kaum Zugang zu ihrer Trauer finden? Tatsächlich ist es manchmal körperliche Betätigung, Holzhacken, Boxen etwas das Zugang zu den Gefühlen ermöglicht. Oft steckt auch Scham dahinter, dass man sauer oder wütend auf den Verstorbenen ist.
Ergänzend: Häufig hört man den Rat “Lass los” – ist der sinnvoll? Er ist auf jeden Fall gut gemeint, ähnlich wie, Es geht ihm/ihr jetzt besser, wo er ist. In meinen Augen hilft er den Zurückgebliebenen wenig, denn sie wollten den Partner ja nicht loslassen, sie wollten das er bleibt und nicht stirbt und kann Druck auf die Trauernden erhöhen mit etwas weiterzumachen, wofür sie einfach noch nicht bereit sind.
Ergänzend: Viele haben praktische Fragen: Wann werfe ich Sachen weg, wann lass ich Neues oder jemanden Neues in mein Leben? Ich hatte in meiner Beratung jemanden sitzen, da wurde nach dem Tod sofort alles weggeworfen – alles verteilt, wirklich alles, und dann wunderte man sich, dass es einem nach 3 Monaten noch nicht gut ging. Ich weiß nicht, das sind Fragen, da muss jeder seinen Weg finden und tut das auch.
Frage 19: Kann Trauer oder der Trauerprozess selbst auch eine Ressource sein? Auf jeden Fall. Die Trauer - der Verlust um die Zukunft mit dem Verstorbenen verlässt einen nie ganz, man wächst aber dran. Ich habe aufgrund eines Todesfalles mein Business um dieses Thema drum rum gebaut. Man lernt sich, seine Ressourcen, seine Freunde anders kennen auf eine neue ganz andere Art und Weise. Man lernt, dass man großes Unheil aushalten kann, auch wenn es unvorstellbar ist in dem Moment der größten Trauer, man lernt in größter Not vieles auf das man in der Zukunft aufbauen kann.
Du kommst dadurch
Frage 20: Was möchtest du Menschen mitgeben, die gerade trauern?
Sylvia: Es ist ok so wie es ist. Du wirst nicht verrückt, du wirst dadurch kommen, verändert, aber du kommst dadurch.
Menschen, die jemanden in Trauer begleiten, habt keine Angst vor den Tränen. Sprecht die Namen der Verstorbenen aus, erzählt die Geschichten, Erinnerungen alles, was euch mit der Person verbunden hat. So hat die Trauernde nicht das Gefühl zu nerven und ihr lasst den verstorbenen aufleben.
Diese Folge ist Teil unseres Podcasts rund um Fragen von
Sinn, Verlust und Zukunft – zwischen Psychologie, Kunst und Musik.
Mehr zur Arbeit von Sylvia Wichmann:
psychologische-beratung-list.de