Die Kunst des Schließens

Um ehrlich zu sein, haben wir uns ein wenig geschmeichelt gefühlt.
Ein kleines Team einer Agentur hat unseren Ikigai-Kurs von letzter Woche als gemeinsames Abschiedsevent unter Kolleginnen genutzt. Wie toll!

Abschiede gehören zum Berufsleben – das wissen wir: Projekte enden, Rollen und Verantwortlichkeiten verändern sich, und Menschen entscheiden sich für neue Wege. Entscheidend ist, wie ein solcher Übergang gestaltet wird.

Man kann das Gefühl gewinnen, dass wir heute in einer Zeit ohne Schluss leben.
Eine Gesellschaft ohne Schluss in einer unschlüssigen Zeit.

Permanente Erreichbarkeit, um die Zukunft zu organisieren, wenig klare Übergänge und Pausen, vielleicht sogar Kündigungen per Mail, Projekte, die versanden, statt zu enden.

Ich kenne das von mir selbst, als ich zuletzt aus einem Arbeitsteam verabschiedet wurde. Selbst hätte ich mir solch einen schönen Abschied nicht gegönnt. Neben einem tollen Geschenk (ein Ticket für den Pianisten Igor Levit in der Staatsoper!!), dem ausgiebigen Brunch, den duftend bunten Blumen, waren doch die letzten Wertschätzungsworte das Allerschönste.

In mir pulsiert noch immer ein Auswuchs protestantischer Arbeitsethik, die mir solche Momente nicht vergönnt – Momente, in denen ich für meine Arbeit gefeiert werde, wenn ich sie beende.

„Ohne die Fähigkeit des Schließens können wir aber weder leben noch sterben“, schreibt Byung-Chul Han.

Das mit dem „Leben“ verstehe ich sofort – denn klar: Wenn ich nicht fähig bin, etwas zu schließen, zu verabschieden, ständig in diesem Hustle-Modus nach vorne stolpere, dann tut es meinem Leben nicht gut. Ich schnüre mir meine eigene Lebendigkeit ab.

Aber welchen Zusammenhang sieht Han nun mit dem Sterben? Muss es gleich so pathetisch sein? Was stirbt konkret bei einem Abschied?

Vielleicht meine Rolle, die ich in dem Team innehatte.
Es stirbt die Aura, die ich ins Team gebracht habe.

Das alles kann sehr schmerzlich sein, und eben dieser Schmerz zeigt: Es war eine schöne und wertvolle Verbindung. Das ist ein gutes Zeichen.

Das Sterben zu kuratieren ist die Fähigkeit des Schließens. Es hat etwas damit zu tun, dass wir es proaktiv gestalten, eben weil wir akzeptieren können, dass etwas endet – auch eine schöne Teamgemeinschaft darf enden. Es ist okay.

Wie schön ist es dann, mit einem Ritual zelebriernd auseinanderzugehen – denn nicht nur der letzte Akkord eines Konzerts ist von entscheidender Bedeutung für die Atmosphäre nach dem Ton, es ist auch die letzte kuratierte Begegnung in einem Team, die die eigene Seelenhygiene und Verbundenheit konstruktiv und froh macht.

Vielleicht ist ein guter Abschied nichts anderes, als dem Ende und allen Beteiligten Würde zu geben.

Literatur: Vom Anfangen, Textem, 2005, Essay Sammlung, Herausgeber Susanne Lorenz, Thomas Düllo, Essay “Über das Schließen” von Byung-Chul Han, S.86

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